Der Zeichner Simon Schwartz im Porträt beim Deutschlandfunk (von Christian Möller)

30.05.2012

Comics wagen sich inzwischen an anspruchsvolle Themen. Der junge deutsche Zeichner Simon Schwartz befasst sich mit historischen Stoffen. Seine jüngst veröffentlichte Graphic Novel "Packeis" über die Entdeckung des Nordpols basiert auf wahren Tatsachen.
"Ich trag eigentlich immer Anzug und oft noch Krawatte und Hut dazu. Das hat keine tiefere Bedeutung. Das ist vermutlich nur ein Spleen. Da fühl ich mich wohl drin."

Erklärt Simon Schwartz. Den Hut hat er zwar bei unserem Treffen durch eine Schiebermütze ersetzt. Aber das Bild, das er in seinem Hamburger Atelier abgibt, ist auch so ungewöhnlich genug: Ein junger Mann Anfang 30, im klassischen Dreiteiler, der sich über einen viel zu niedrigen Holztisch beugt.

"Also, diese Schreibplatte, die hat mein Vater mir noch gebaut, als Schüler. Die hab ich jetzt - naja, über 20 Jahre gehört die mir jetzt. Dementsprechend sieht sie jetzt halt auch aus. Hier sieht man, mehrfach ist mir auch schon ein Tintenfass auf dem Ding umgekippt."
Und auch seinen aller ersten Comic hat Schwartz an diesem Tisch gezeichnet.
"'Jim und Sam', zwei Cowboys, die Abenteuer erleben."

In der ersten Klasse war das, Ende der 80er-Jahre, in West-Berlin. 1984 waren Schwartz' Eltern aus politischen Gründen aus der DDR ausgereist. Davon erzählt er in seinem Debüt namens "drüben!", einer Mischung aus Zeitgeschichte und Autobiografie, teilweise aus der Perspektive eines Kindes. Er habe erstaunlich viele konkrete Erinnerungen aus dieser Zeit, sagt Schwartz.
"Also, allein diese Erinnerung an den Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße, dieses da an den Soldaten Vorbeimüssen, wenn ich meine Großeltern mütterlicherseits besuchen wollte - das ist total eingebrannt. Und da war ich vier oder so, keine Ahnung. Und das geht nicht weg. Das ist verrückt."
Daneben basiert der Comic vor allem auf langen Gesprächen, die Simon Schwartz mit seinem Vater führte. Der war selbst Künstler von Beruf und förderte die Begabung seines Sohnes mit sanftem Druck.

"Naturstudium, da hat er mich so ein bisschen hingetriezt. Weil er meinte, das musst du machen, so als Grundlage. Was weiß ich, Kaffeekannen abzeichnen. Fand ich natürlich total langweilig als Kind."
Bildergeschichten fand er damals schon spannender. Unter den Comics, die er als Kind las, waren auch welche aus der DDR. Zum Beispiel das ";Mosaik".

"'Mosaik' war diese Comiczeitschrift, die 1955 von Hannes Hegen in der DDR gegründet wurde. Im Prinzip historische Abenteuergeschichten für Kinder, die immer noch erscheinen, allerdings im Gegensatz zu heute in den 50er-, 60er-Jahren auf einem unglaublich hohen grafischen Niveau waren. Und da hab ich eine unglaubliche Liebe für so'n 50er-Jahre-Zeichenstil entdeckt."
Dieser flächige Stil mit seinen klaren Konturen prägt auch Schwartz' neue Graphic Novel "Packeis". Sie handelt von Matthew Henson, der als Assistent des Polarforschers Robert Peary 1909 eine wichtige Rolle bei der Entdeckung des Nordpols spielte, von seinem Chef jedoch problemlos an die Seite gedrängt werden konnte. Denn Henson war schwarz.

"Matthew Henson ist 1866 geboren, 16 Monate nach Ende des Bürgerkriegs und nach Abschaffung der Sklaverei. Kurzum, dieses Herr-Sklaven-Denken ist etwas, was in ihm noch irgendwo drinsteckte. Man hat immer das Gefühl, wenn man seine Texte liest, dass er so diese Haltung hatte: ,Naja, was will ich denn? Ich hab doch schon Glück. Ich bin ja nicht mehr Sklave.'"

Mit "Packeis" hat sich Simon Schwartz endgültig als einer der besten jungen deutschen Comicautoren etabliert. Reichtümer verdient man in diesem Job nicht. Aber für eine Schreibtischplatte würde es schon reichen, oder?

"Eigentlich bräuchte ich mal eine Neue, weil sie hat auch schon so Furchen und so was. Und manchmal ist das blöd, mit dem Papier drauf zu arbeiten. Aber ich kann mich nicht von ihr trennen. Ich mag das, dass ich sehe: Ich hab hier schon gearbeitet. Und es hat eine Geschichte."
zur Sendung.

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