Pressespiegel: Lob von allen Seiten für Birgit Weyhes „Madgermanes“

28.07.2016

Der neue Comic „Madgermanes“ von Birgit Weyhe erhielt seit seiner Veröffentlichung im Mai 2016 viel Anerkennung. Auf dem Comic-Salon Erlangen gewann er den Max und Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Comicalbum; und auch die Pressestimmen loben die Aufarbeitung eines vergessenen Stücks Geschichte: die gescheiterte Integration mosambikanischer VertragsarbeiterInnen, die zum Aufbau der DDR beitragen sollten.

Ende der 1970er wirbt die DDR um Arbeitskräfte aus Mosambik, lockt mit Ausbildungsstellen und gutem Lohn, der letztendlich als Spareinlagen auf staatseigenen Konten in Mosambik verschwand. Auch die Hoffnung auf Ausbildung versandet in Arbeiten am Fließband oder auf dem Bau. Die Integration misslingt – gleich an zwei Fronten, denn nach der Wende kehrten die VertragsarbeiterInnen in ein vom Bürgerkrieg zerstörtes Land zurück, in dem sie fortan als ebenso fremd angesehen wurden.

„Diese kulturelle Entwurzelung zu zeigen, ist denn auch das eigentliche Anliegen von Birgit Weyhe, und das gelingt der studierten Historikerin, Germanistin und Illustratorin auf ästhetisch sehr ansprechende Weise“, würdigt Katja Lüthge von der Berliner Zeitung den reduzierten Strich und die teils ornamentale Bildsprache.

Oliver Stenzel betont in der Kontext: Wochenzeitung die Recherchearbeit, die hinter dem 240-seitigen Buch steckt: „Die ‚Madgermanes‘-Protagonisten Annabella, José und Basilio sind keine realen, sondern fiktive Figuren, ihre Biografien sind kondensiert aus der Summe der Gespräche, die Weyhe führte. Eine Vorgehensweise, die erst im Zuge der Recherche entstand, denn ursprünglich wollte Weyhe einen Reportage-Comic aus den Interviews machen.“

Die schließlich entstandenen Monologe weisen auf die Unzuverlässigkeit der Sprecher hin; Realität und Traum, Geschichte und Erinnerung werden in ihnen verwoben. Dies beobachtet auch Thomas von Steinaecker in der Süddeutschen Zeitung: „‚Auf die Erinnerung ist kein Verlass‘, meint etwa der grüblerische José, während Basilio großspurig behauptet: ‚Mein Gedächtnis ist ein klarer See – ich kann bis auf den Grund sehen.‘ Weil Weyhe aber die Schicksale sich nacheinander und mittels fingierter Dokumente entwickeln lässt, ergeben sich immer neue Perspektiven und Widersprüche“.

Katja Engler vom Hamburger Abendblatt sieht wie die Lebensgeschichten zu „drei typischen Biografien, liebevoll gezeichneten, einfühlsamen Menschengeschichten, wirklichkeitsnah und jenseits vereinfachender Klischees“ zusammengefügt wurden.

Auch der Zeichenstil begeistert, der zwar nicht gefällig, aber unmittelbar und ungelenk ist – in Analogie zu den erstarrt wirkenden Figuren, schreibt Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Print - 16.06.2016): „Das aber ermöglicht erst den Kontrast mit Weyhes größter Errungenschaft, der Einbeziehung von assoziativen Zwischenbildern entweder in der Form expressiv gestalteter metaphorischer Motive oder akribisch porträtierter konkreter Erinnerungsobjekte. In Birgit Weyhes Comics begibt man sich wie auf eine Achterbahnfahrt: himmelhochjauchzend und dann wieder tief erschreckt, weil einem der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden scheint."

Auf seinem Blog intellectures lobt auch Thomas Hummitzsch: „Madgermanes ist Bilderpoesie de luxe. Weyhes Stil abwechslungsreich, vielschichtig und wohltemperiert. [...] Ihre zwischen Wahrnehmung, Reflektion und Fortschreibung pendelnde Erzählweise lenkt den Blick nicht nur auf ferne Länder und fremde Kulturen, sondern vermittelt einen Eindruck des kulturellen Reichtums der Welt. Auf jeder Seite staunt man ob der Fülle ihrer wahrlich genialen Bildlösungen, die die wörtliche Erzählung nicht nur aufgreifen, sondern spielerisch intensivieren, erweitern oder konterkarieren, um diese Geschichte von einer individuellen auf eine grundsätzliche Ebene zu heben.“





Jürgen Schickinger von der Badischen Zeitung findet: „‚Madgermanes‘ überzeugt durch Dichte, Inhalt und assoziative Bildsprache, die afrikanische und europäische Elemente vereint.“

Erik Wenk merkt im Tagesspiegel gleichfalls an, wie Birgit Weyhe mit dem Exotismus-Blicks der LeserInnen spielt: „Dabei verknüpft sie geschickt europäische Zeichenstile mit afrikanischen Ornamenten und Allegorien und macht so den Kontrast und die Konflikte zwischen deutschen und mosambikanischen Sichtweisen auch optisch erfahrbar“. Es ist die „Stärke der Bildergeschichte als dokumentarisches Medium“, die beeindruckt und den „von der Geschichte Vergessenen eine Stimme“ gibt.

Die Figuren jedoch bleiben exemplarisch, wie Weyhe auch in einem Interview mit Boris Kunz für das TITEL kulturmagazin betont: „So habe ich diese drei Prototypen dann auch als Figuren ausgewählt. Die Geschichten dieser drei wiederum speisen sich komplett aus Interviews, aber immer aus mehreren. Keine Geschichte basiert auf einem einzelnen Schicksal.“

Und Boris Kunz fasst das Interview-Medley zusammen: „Der Comic ist voll mit Sprichwörtern, Sinnbildern und Allegorien, die das Innenleben der Figuren mal stimmig, mal aber auch etwas sehr buchstäblich illustrieren. Damit kann der Comic berühren, ohne zu überwältigen.“

Weitere Interviews mit der Künstlerin finden sich auf Spiegel Online mit Moritz Piehler und beim Kreuzer Leipzig mit Tobias Prüwer. Angesprochen werden auch die Relevanz des Comics für die heutige Integrationspolitik und der mögliche Bezug zum Alltagsrassimus in Ostdeutschland.

Diesbezüglich schreibt auch Philipp Hedemann in der Freien Presse (Print - 30.06.2016): „Als Birgit Weyhe vor neun Jahren mit den Recherchen begann, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Fremdenfeindlichkeit in Deutschland bei Erscheinen ihres Buches wieder Schlagzeilen bestimmen und Wahlen entscheiden würde. ‚Da hat die Gegenwart mich leider eingeholt. Es ist erschreckend, wie Geschichte sich wiederholt und offensichtlich wenig daraus gelernt wird‘, sagt die Autorin.“

Und auch Michael Pilz von Der Welt findet: „‚Madgermanes‘ ist das Buch zur rechten Zeit. Nicht nur weil Birgit Weyhe all die alten Dinge aus den DDR-Museen wahrheitsgetreu nachzeichnet – bis auf die eine falsche Michael-Jackson-Platte, die es in der DDR nicht gab –, aber die Solidaritätsbriefmarken und die Täschchen von der Interflug, die Bierflaschen und Märchenbücher, die Plakate und Parolen. Es ist auch das erste Buch über die Afrobrandenburger, Afrothüringer und Afrosachsen.“

Wir gratulieren zu diesen überragenden Rezensionen und freuen uns auf die kommende Ausstellung und Lesung mit Birgit Weyhe, die Ende August wieder in Erlangen, diesmal auf dem Poetenfest, sein wird.





Nebst den Presse-Artikeln, gibt es auch einen Fernsehbeitrag vom Arte Journal und Radiobeiträge vom Radio Bremen, WDR Funkhaus Europa,Bayern 2 und Radioeins.

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