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Meine Geschichten von Mutter und Tochter | Interview mit Katharina Greve

Foto: Matthias Zuber

Liebe Katharina, dein neuer Comic MEINE GESCHICHTEN VON MUTTER UND TOCHTER ist eine Hommage an den zeitlosen Comicstripklassiker „Vater und Sohn“ von Erich Ohser alias e.o.plauen. Welche Bedeutung haben „Vater und Sohn“ für die deutschsprachige Comicgeschichte und welche hatten sie für dich speziell?

 

Ich sehe in Vater und Sohn die Stellvertreter der „kleinen Leute“, die in der großen Lotterie des Lebens nur Nieten ziehen. Und wenn sie mal Glück haben, ist es nicht von langer Dauer. Doch auch da schaffen es die beiden, mit Kreativität und einer Prise Anarchie sogar den prekärsten Situationen Witz und Freude abzugewinnen. Ich denke, das hat Vater und Sohn zu zeitlosen Archetypen gemacht, warum auch heute noch ihre Geschichten immer wieder neu aufgelegt oder als Unterrichtsmaterial genutzt werden. Sie haben einfach ein hohes Identifikationspotenzial! Für mich persönlich sind die beiden eine frühkindliche Erinnerung. Ich fand es toll, dass ich die Geschichten lesen konnte, bevor ich lesen konnte! Und ihre Art, mit Missgeschicken umzugehen, hat mich wirklich überzeugt. Aus dem Tintenfleck auf dem Teppich machen die beiden ein elegantes Tiermuster – Heimtextil und Haussegen sind gerettet! Wahrscheinlich wäre ich bei meinen Eltern damit nicht durchgekommen, doch die Idee war super. Nur eine Sache hat mich irritiert: Der Vater wirkte auf mich mit seiner Glatze und dem riesigen Schnurrbart viel zu alt. Für mich sah er eher wie ein Großvater aus.

 

Im Nachwort schreibst du, dass die Idee zum Comic im Jahre 2020 geboren wurde. Magst du uns mehr zu der Entstehungsgeschichte verraten? Wie kamst du auf die Idee und was war dir an der Umsetzung wichtig?

 

Nachdem ich mit dem Comic-Strip DIE DICKE PRINZESSIN PETRONIA ein weibliches und modernes Pendent zum Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry geschaffen hatte, war es einfach an der Zeit, einen weiteren Klassiker aus meiner Kindheit neu zu beleben. „Vater und Sohn“ drängte sich da geradezu auf. Wichtig war mir dabei, dass mein Mutter-und-Tochter-Duo unter relativ realistischen Bedingungen in unserer aktuellen Welt lebt: Es gibt Smartphones, Inlineskates, und Elektronik-Märkte. Die Mutter ist alleinerziehend, ergo knapp bei Kasse. Und natürlich schlägt sie ihre Tochter nicht! Viele der Gags der Vater-und-Sohn-Comics basieren darauf, dass in den 1930er Jahren die Prügelstrafe vollkommen normal war. Das Original von Erich Ohser ist während der frühen Nazi-Jahre in der auflagenstarken Berliner Illustrirten Zeitung erschienen. Ohser, der unter den Nazis mit Berufsverbot belegt worden war, musste sich an die Auflage halten, in seinen Strips komplett unpolitisch zu sein. Du musst das nicht – und so werden in einigen Strips Hakenkreuz-Wandschmiererei von Mutter und Tochter elegant verschönert.

 

Warum war dir diese politische Ebene/Botschaft wichtig?

 

Hauptsächlich handeln die Geschichten ja von zwischenmenschlichen und alltäglichen Problemen und ich fand es schön, auch mal meinem liebevollen Kuschelhumor Raum zu geben. Doch Mutter und Tochter leben nun mal in unserer Zeit und die ist nicht immer kuschelig, eher im Gegenteil. Darum wollte ich den beiden eine klare Haltung mitgeben: gegen Nazis, für Feminismus. Ja, vielleicht hätte das Ohser gefreut.

 

Warum hast du dich dafür entschieden, in deiner Version aus Vater und Sohn eine Mutter mit ihrer Tochter zu machen? Was gewinnt der Stoff durch diesen Gender-Wechsel und den Fokus auf Mutter-Tochter-Bindung?

 

Ich bin selbst als Mädchen und Frau sozialisiert. Da stehen mir Mutter und Tochter schlicht näher und ich konnte die Figuren auf dem Nährboden meiner eigenen Erfahrungen wachsen lassen. Ich habe zwar schon Geschichten entwickelt, in denen Männer die Hauptrollen spielen. Doch in den letzten Jahren ist mir die weibliche Perspektive auf unsere patriarchale Welt zunehmend wichtiger geworden. Mir liegt es zum Beispiel sehr am Herzen, dass die Mutter ihre Tochter zu einem wehrhaften, mutigen Menschen erzieht und Schwertkampf mit ihr übt! Eine zeitgenössische Vater-und-Sohn-Erzählung gibt es auch bereits, vor ein paar Jahren verfasst von Ulf K. und Marc Lizano. Gleichzeitig ist die Welt groß genug für noch mehr Väter und Töchter, Mütter und Söhne oder einfach Eltern und Kinder!

 

MEINE GESCHICHTEN VON MUTTER UND TOCHTER sind wie das Original komplett textfrei erzählt. Magst du uns ein bisschen über diesen Aspekt der Vorlage und deiner Version berichten? Wie herausfordernd war es für dich, mit dieser Einschränkung zu erzählen? Gab es Storys, die besonders knifflig ohne Worte zu erzählen waren?

 

Puh. Ja. Die Sache mit „ohne Text“: Das war eine echte Challenge für mich, die ich aber sehr bewusst angenommen habe. Bis dato war mir die Sprache und ein gewisser Wortwitz in meinen Cartoons und Comics immer sehr wichtig. Nun musste ich massiv umdenken und viel stärker auf Aktion und Slapstick setzen. Ideen, die Dialog gebraucht hätten, wurden schlicht aussortiert. Reizvoll daran fand ich, dass die Bildgeschichten so problemlos Sprachbarrieren überwinden können. Genau wie bei Ohser gibt es allerdings ein paar Wörter, zum Beispiel die Beschriftung eines Seifenpakets oder Namensschilder an Statuen.

 

Der wortlose Ansatz geht sogar so weit, dass du statt Kapitelüberschriften putzige Piktogramme benutzt, die auch einen Teil des Lesevergnügens ausmachen. Kannst du zu dem Aspekt auch was erzählen? Warum und wie bist du diese Mini-Illus angegangen, die die Comics jeweils auf ein Piktogramm verdichten?

 

Meist ist es ein prägnanter Gegenstand, der eine Rolle in der Geschichte spielt. Wichtig war mir die Wiedererkennbarkeit und dass das Titel-Symbol nicht die Pointe vorwegnimmt. Darum sind bei den bereits erwähnten Strips mit Hakenkreuz-Schmierereien nicht die Hakenkreuze im Titel, sondern Filzstifte. Naja, und natürlich wollte ich keine verfassungsfeindlichen Symbole in meinem Inhaltsverzeichnis haben.

 

Die Königsdisziplin im Humorbereich ist der „Running Gag“ – du hast auch einige in MUTTER UND TOCHTER. Besonders gefallen hat mir die Waschmaschine als Glotzkisten-Ersatz, die in mehreren Strips auftaucht, erst als Spleen der Tochter, später als Metapher für das emotionale Band zwischen Mutter und Tochter. Wie gehst du als Humoristin den „Running Gag“ an – und wie hat sich speziell der Waschmaschinen-Subplot über die Zeit entwickelt?

 

Ich liebe Running Gags! Es bringt einfach großen Spaß, ein Motiv immer und immer wieder zu variieren! Ausgangspunkt der Sache mit der Waschmaschine war eine Kindheitserinnerung: Ich selbst habe richtig gern Waschmaschine geguckt. Als Erwachsene kann ich mich noch an diese Faszination erinnern, kann sie aber nicht mehr so ganz nachvollziehen. Damit war schon mal der Grundkonflikt zwischen Klein und Groß gesetzt: Die Tochter tut alles für ein wenig Waschmaschinenzeit, die Mutter ist verständnislos. Dann akzeptiert die Mutter die Vorliebe der Tochter, schließlich teilt sie sie sogar. Irgendwie ist das auch eine Aussöhnung zwischen meinem Kinder- und meinem Erwachsenen-Ich, wenn ich so darüber nachdenke.

 

Wenn sich e.o.plauens Vater und Sohn und deine Mutter und Tochter begegnen würden – wie würden sie den Tag gemeinsam verbringen? 

 

Mutter und Tochter holen den Sohn im Pflegeheim ab. Er ist jetzt weit über 90 und schon ein wenig tattrig. Zusammen besuchen sie das Grab des Vaters. Erst schwelgt der Sohn in Kindheitserinnerungen, dann wird er plötzlich sehr, sehr traurig. Um ihn zu trösten und abzulenken, laden Mutter und Tochter ihn zu sich nach Hause ein. Gemeinsam gucken die drei Waschmaschine und essen Popcorn.

 

MEINE GESCHICHTEN VON MUTTER UND TOCHTER ist hier erhältlich!