Foto: Kerstin Rolfes
Liebe Bettina, toll, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Mit In allem ein Stück zu Hause erscheint dieser Tage dein Graphic-Novel-Debüt – du bist aber schon seit den 1990ern als Cartoonistin und Illustratorin aktiv. Magst du uns ein bisschen über deinen Werdegang verraten?
Ich bin in Hamburg aufgewachsen und habe in Bremen Illustration und Trickfilm studiert. Seit dem Studium arbeite ich selbständig. Ich wollte immer Zeitautonomie haben und mit dem, was mir am meisten Spaß macht, so gut es geht Geld verdienen. Das empfinde ich als absolutes Privileg. Ich mag es, über den Humor zu kommunizieren. Er baut Brücken und man kann seine Botschaften gut drin verpacken. Die Grenzen definiert jeder für sich selber. Für mich ist die Grenze dort, wo man sich über andere erhebt. Schadenfreude finde ich nicht lustig.
Der Comic hat mich eigentlich immer schon begleitet. Am Anfang in Form von Micky-Maus-Heften und MAD-Magazinen, später haben mich die französischen und belgischen Comics fasziniert.
Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Welche Zeichner*innen und Cartoonist*innen hatten einen wichtigen Einfluss auf deine Arbeit? Und welche Künstler*innen sind dir aktuell wichtig?
Ich würde sagen, meine Linie ist eher suchend. Sie tastet sich langsam an die eigentliche Form heran. Ich bin ein großer Fan des Offenen und Unperfekten. Ich finde oftmals Skizzen viel lebendiger, als die Reinzeichnungen. Ich schaue mir auch in Ausstellungen am liebsten Skizzen an, weil sie durch ihre Unbestimmtheit viel eigenen Interpretationsspielraum lassen. Sobald man dann versucht, diese Leichtigkeit in die Reinzeichnung zu übertragen, geht immer etwas verloren. Die Arbeiten der Künstlerinnen Claire Brétécher, Marie Marcks und Jutta Bauer haben mich sehr beeindruckt und geprägt. Auch sie haben diese lockere Art zu zeichnen, die mir so gefällt.
Wenn man an einem Cartoon zeichnet, darf man ja so schön bei Mimik und Gestik übertreiben, um die Charaktereigenschaften der Figuren darzustellen. Beim Comiczeichnen musste ich allerdings lernen, die Figuren erkennbarer zu zeichnen. Daran musste ich mich erst ein bisschen gewöhnen. Ich bin gern auf Reisen und stöbere dann in den Buchhandlungen nach neuen Comics. Die Arbeiten von Judith Vanistendael, Penelope Bagieu, Joann Sfar und Milan Hulsing gefallen mir gut. Und natürlich die Comics von Barbara Yelin und Der Umfall von Mikael Ross.
Viele deiner Arbeiten fallen in die Kategorie Cartoon oder Kurzcomics. Wie gehst du dabei vor, wenn du komplexe Ideen oder auch mal einen guten Lacher in nur einer Zeichnungausdrücken sollst? Was ist das Geheimnis eines guten Cartoons? Und wie war für dich der Umstieg auf längere, journalistische Comicerzählungen für dein Debüt?
Beim Cartoonzeichnen gibt es eine lange Ideenfindungsphase, um eine Situation so zu verdichten und auf den Punkt zu bringen, dass sie in einem Bild erzählt werden kann. Je überraschender die Pointe, umso größer die Fallhöhe des Witzes. Man kombiniert im Kopf Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Dafür ist für mich das Arbeiten in Cafés ideal. Gespräche am Nachbartisch können manchmal sehr hilfreich sein, um den Kopf auf andere Gedanken zu bringen. Ich feile auch ziemlich lange am Text, denn meistens ist er zu lang und erklärt zu viel.
Mit dem Comiczeichnen habe ich in der Coronazeit begonnen. Angefangen habe ich mit einem Kurzcomic über meine beiden Nachbarinnen von oben, für die ich eingekauft habe. Zwei Schwestern, die eine wunderbare Schrägheit besaßen. Aus dem Kurzcomic ist auch ein kleiner Trickfilm geworden.
Die Stadt Bremen hat damals gut für ihre Künstler*innen gesorgt und so habe ich ein Stipendium für das Zeichnen einer Comicbiografie bekommen. Angefangen habe ich mit meiner Tante, die in Brüssel lebt. Sie hat mir ihr Leben am Telefon erzählt und ich fand es wunderbar, so viel Zeit für eine neue Aufgabe zu haben und mich auf diesem Gebiet ausprobieren zu können. Ich habe schon als Kind gerne zugehört, wenn Leute aus ihrem Leben erzählt haben und man sich im Kopf die passenden Bilder zur Geschichte ausgemalt hat.
Ich würde dein Buch dem Genre „Comicjournalismus“ zuordnen, deine gezeichneten Reportagen könnten ebenso gut auch in Magazinen erscheinen. Hast du dich mit anderen comicjournalistischen Arbeiten auseinandergesetzt – was hat dich als Künstlerin an diesem Genre interessiert? Was können zeichnende Journalist*innen leisten und erzählen, was klassische Reportagen nicht vermitteln können?
Ich habe mir einige Arbeiten von Comickünstler*innen dazu angeschaut, wollte mich aber nicht zu viel an anderen orientieren, um die eigene Idee von dem Projekt nicht zu verlieren. Ich mag es, eine Geschichte in Bild und Wort zu erzählen und dabei so viel wie möglich schon im Bild zu transportieren. Diese zwei Ebenen des Erzählens finde ich sehr reizvoll. Für manche Situationen im Leben gibt es keine Worte. Die lassen sich dann vielleicht eher durch Körpersprache oder Mimik darstellen. Ich finde, zeichnerische Reportagen können das Unsagbare besser transportieren. Dadurch kann man sich einer Person noch auf andere Weise nähern.
Bevor wir uns über dein neues Buch unterhalten, würde mich interessieren, wie du die gesellschaftliche und politische Gegenwart einschätzt, in der es erscheint. Dein Comic erzählt von Menschen in Deutschland aus anderen Kulturen, Menschen, die trotz Ressentiments und Widerständen ihren Weg gegangen sind, von Menschen, die hoffnungsvoll, optimistisch und vor allem engagiert geblieben sind. Was hat dich dazu veranlasst, dieses Buch zu machen, diese Menschen zu porträtieren?
Meine Arbeit hat sich ja über fast fünf Jahre hingezogen und ich habe den Eindruck, es wird immer nötiger, die positiven Geschichten von Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu erzählen. Die zunehmende ablehnende Haltung eines Teils der Gesellschaft Menschen mit Einwanderungsgeschichte gegenüber macht mir große Sorgen. Ich begegne fast täglich Menschen mit Geschichten, die es genauso wert wären, erzählt zu werden. Es wird ihnen immer schwerer gemacht, hoffnungsvoll und positiv in die Zukunft zu sehen, sich weiterhin zu engagieren und sich als Teil unserer Gesellschaft zu fühlen. Dabei könnten wir so viel über Toleranz und Resilienz von ihnen lernen. Solange wir nicht begreifen, dass Migration schon immer ein Teil unseres Lebens war und zur Entwichlung unsererGesellschaft dazugehört, bleibt es schwierig. Genau genommen haben wir doch alle eine mehr oder weniger lang zurückliegende Einwanderungsgeschichte.
Ich möchte durch meine Reportagen den Blick dafür schärfen, dass wir umgeben von diesen eindrucks-vollen, starken Menschen sind, die ihre Hoffnung und ihren Mut nicht verlieren und sich unbeirrt für andere einsetzen.
Dein erstes Interview war Miša aus dem ehemaligen Jugoslawien, der ein aufregendes Globetrotter-Leben hatte und vor Kurzem leider verstorben ist. Wie bist du auf Miša gekommen und wie haben die Gespräche mit ihm dein Comicprojekt und dienachfolgenden Interviews geprägt?
Miša kannte ich schon seit meiner Kindheit, weil er ein Freund und Kollege meines Vaters war. Schon damals hat mich seine lebendige Art und sein umwerfender ungarischer Akzent fasziniert. Als ich dann vor einigen Jahren erfahren habe, dass er sich um die obdachlosen Menschen in seinem Viertel kümmert und ihnen Essen kocht, habe ich ihn einfach gefragt, ob er mir seine Lebensgeschichte erzählen würde. Gleichzeitig war die Idee geboren, etwas über Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu machen, die sich ehrenamtlich für andere einsetzen. Wir trafen uns in seinen Lieblingscafés und auch bei ihm Zuhause, um seine Fotos anzuschauen.
Am Anfang hatte ich Zweifel, ob es mir gelingen würde, diese Lebendigkeit des Erzählens mit Händen und Füßen und diesen ganz speziellen Humor auch in den Comic hinüberzuretten. Und es gab eine Menge Recherchearbeit, weil ich ja keine Ahnung hatte, in welchen Verhältnissen er aufgewachsen war. Die Bilder, die sich bei mir im Kopf gebildet haben, waren natürlich ganz andere, als seine. Zum Beispiel habe ich alle Kinder mit Schuhen gezeichnet, bis er mir sagte, dass er und seine Geschwister sich ein paar Schuhe geteilt haben. Erst nach und nach verstand ich, in welch ärmlichen Verhältnissen er eigentlich aufgewachsen ist.
Das hat auch Mišas ganzes Leben geprägt. Er hat sich Zeit seines Lebens immer gut daran erinnert, wie es sich anfühlt, wenig zu haben. Als ich ihn einmal begleitet habe, als er mit seinem selbstgekochten Essen in den Park gefahren ist, fand ich es sehr beeindruckend zu sehen, wie er zusammen mit den Obdachlosen gegessen und gleichzeitig nichts von ihnen erwartet hat.
Wir haben zum Glück auch noch eine gemeinsame Ausstellung seiner Fotos und meiner Reportage über ihn in seinem Viertel gemacht. Dort kamen dann auch einige seiner Freunde aus dem Park. Das war ein schöner Abend. Und es war leider auch seine letzte Ausstellung. Ein halbes Jahr später ist er gestorben.
Dein Comic erzählt von Sichtbarkeit und schafft Sichtbarkeit. Das Thema kommt auch in dem Kapitel über die interkulturelle Aktivistin Halime Cengiz vor, die als Teil des Bremers Rundfunkrats den Intendanten von Radio Bremen auf die Medienpräsenz von Muslim*innen und der Darstellung von positiven Einwander*innenschicksalen anspricht. Die Antwort: „Positive Nachrichten ziehen leider kein Publikum an.“ Wie nimmst du dieses Problem wahr? Wo siehst du die Verantwortung der Medien (und auch der Sozialen Medien) in Sachen Integration?
Ich finde, die Verantwortung der Medien, objektiv und sachlich zu berichten und sich jeglichen Fake News entgegenzustellen, war nie größer als jetzt. Das gilt natürlich erst recht für die Sozialen Medien. Gleichzeitig gibt es in der Politik, also bei den Menschen, die wir gewählt haben und die uns eigentlich repräsentieren sollen, immer mehr herablassende Äußerungen über Menschen mit Migrationshintergrund. Es macht mir Sorge, dass die roten Linien des Unsagbaren immer weiter verschoben werden. Wenn man nur über das Spaltende berichtet, wird so eine diffuse Bedrohungslage geschaffen, die für noch mehr Distanz zwischen den Menschen sorgt.
Interessanterweise ist die Angst vor Menschen aus anderen Ländern dort am größten, wo die Menschen eigentlich am wenigsten mit ihnen zu tun haben. Dort, wo man direkt mit Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu tun hat, können Berührungsängste abgebaut werden. Halime hat es durch ihre stetige, freundliche Beharrlichkeit immer wieder geschafft, Menschen zusammenzubringen. Das beeindruckt mich sehr und ich würde mir wünschen, wir alle würden es ihr gleichtun.
Gab es Erfahrungen, Situationen und Herausforderungen im Leben deiner Gesprächspartner*innen, die dir in allen Interviews begegnet sind?
Eigentlich haben alle meiner Interviewpartner*innen die Erfahrung gemacht, immer noch ein bisschen mehr leisten zu müssen, als ihre deutschen Kolleg*innen, um Anerkennung zu bekommen. Sei es in der Schule oder im Berufsleben. Sie alle waren und sind ein bisschen mehr gefordert, kreative Wege zu finden, um ihre Ziele zu erreichen.
Du bist mit einigen der Reportagen schon über die Jahre aufgetreten, hattest kleinere Ausstellungen. Wie war das Feedback auf deine Comicerzählungen? Was für Fragen, Reaktionen haben dich am meisten überrascht?
Die Resonanz war sehr positiv. Ich hätte anfangs nicht gedacht, dass die Ausstellungsbesucher*innen dran bleiben, um sich eine Geschichte von Anfang bis zum Ende anzuschauen und durchzulesen. Interessanterweise war das aber der Fall.
Ich glaube, Biografien haben immer eine gewisse Faszination. Man liest gerne Lebensgeschichten von anderen Menschen. Einige Betrachter*innen haben auch Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte entdeckt. Bei einer Ausstellung mit Mišas Lebensgeschichte gab es anschließend noch ein Gespräch mit ihm. Die Leute waren sehr daran interessiert, noch mehr über sein Leben zu erfahren. Interessanterweise hat er auch manchmal kleine Variationen in seine Geschichten eingebaut. :)
Vielen Dank für das Interview, In allem ein Stück zu Hause ist hier erhältlich.
